Versuche im und doing art&science

#17/2 more/ than one

DI: Wem?
AS: Wem? Also für mich ist das ein wichtiger Punkt.
DI: Wem darf ich begegnen? Und was passiert dann?
AS: Für mich ist das ein ganz wichtiger Punkt. Wem DARF ich begegnen?

Doing art&science, doing sense? - Wem darf ich begegnen? Mit wem ist es möglich, einen explorativen Raum zu bilden, ein Klima der Offenheit zu schaffen? Ich könnte die Frage auch aus einer anderen Perspektive her stellen: In welchen Konstellationen findet Entwicklung statt?
Entfernen wir uns aus dem bipolaren Denken, eröffnen sich auch neue Verbindungsangebote. Nicht mehr entweder Wissenschaft oder Kunst ist hier gefragt, sondern der Bereich des Miteinanders. Wenn Kunst und Wissenschaft miteinander kooperieren, heißt das, miteinander zu kommunizieren, miteinander neue Bedeutungen zu generieren. Was davon zu erwarten sein könnte, wären neue Sinnzuschreibungen. Vor allem diese nicht-bipolaren Bereiche, wie es das inbetween ist, erweitern unser Denken im Und. Sie tragen dazu bei, diesen Raum weiter zu erforschen, diesen Raum, in dem es nicht um das Trennende, sondern um das Bewusstsein des Verbindenden, Verknüpfenden, Verflechtenden geht. Nicht um das, was uns unterscheidet, wie gravierend es auch immer sein mag, sondern um das Gemeinsame. Einen Raum, in dem es nicht um das, was als im traditionellen Weltverständnis als Wirklichkeit angenommen wird, sondern um Möglichkeiten.

Diaphonie #5 - Hidden Tracks

Elektroakustische Komposition für die CD-Serie "Musik aus Österreich"
Andrea Sodomka, 1997
Im Auftrag von mica (music information center austria)

Diaphonie ist die Vermischung zweier Signale, die aus verschiedenen Übertragungskanälen stammen und eigentlich getrennt werden sollen: Übersprechen beim Telephonieren oder Unterhaltung in einem angrenzenden Zimmer.
Abraham A. Moles, Informationstheorie und Ästhetische Wahrnehmung, Köln: DuMont, 1971


Die Diaphonie war nur in den "hidden tracks" der CD zu hören. Das sind tracks, die nicht sichtbar sind und nicht angewählt werden können. Sie sind nur dann hörbar, wenn man die gesamte CD abspielt - versteckt im Zwischenraum des Mediums - zwischen den einzelnen Kompositionen.

Diaphonie #1 - #4:

Serie von Installationen für Radio, Printmedien, Internet und Realraum
Andrea Sodomka, 1996
  • Diaphonie #1: Installation - diaphon
  • Diaphonie #2: Radio - diaphon (Huber, Math, Sodomka)
  • Diaphonie #3: Printmedien - diasystemisch (Ranzenbacher)
  • Diaphonie #4: Internet - diaphon/diaphan/diasystemisch


Im Auftrag des musikprotokoll im steirischen herbst 96
mit Norbert Math, Heimo Ranzenbacher und Rupert Huber
Tontechnik: Anton Reininger, Harald Domitner

http://alien.mur.at/archive/work/70/en
http://kunstradio.at/1996B/10_10_96.html

Diaphonie #6: Zeitschatten. Eine Diaphonie


Elektroakustische Komposition für die CD-Serie â"Musik aus Österreich"
aus der Serie "Diaphonie"
Andrea Sodomka, 1997
Im Auftrag von mica (music information center austria)
http://alien.mur.at/sound/zeitschatten

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Flüstermaschinen



Unter Aufführungsraum kann Andrea Sodomka eine Menge Verschiedenes verstehen: Den oft und gerne benutzten und ausgeloteten Radio-Raum (unter anderem des ORF-Kunstradios), einen Konzertsaal oder Galerieraum, diverse Kombinationen aus und Rückkopplungen mit Radio und Internet wie im hybrid workspace während der documenta X in Kassel, ein Theater oder die Null-Indexe einer CD inklusive eines dazugehörigen eigenen cuts.

Andrea Sodomkas Werkbegriff ist ein dementsprechend weiter: "System, in dem verschiedene Systeme in Abhängigkeit voneinander funktionieren (Diasystem)" ist eine jener, aus Lexika zusammengesuchten Definitionen, die die Künstlerin anstelle einer Werkbeschreibung für die erste "Diaphonie" beim Musikprotokoll 1996 abdrucken ließ. Das lässt sich auch lesen als eine Umschreibung ihres Verständnisses vom "Werk" und "Kunstwerk"

Das In-Bewegung-Halten von interdependeten Systemen macht die Kunst und das Werk aus, wobei Andrea Sodomka nach genauen, beinahe pedantischen Recherchen arbeitet und innerhalb ebenso präzise festgelegter Spielregeln, um dann oft im letzten Moment während der Aufführung den Prozessen und Klängen ihren Freiraum zu gewähren.
Nicht nur verschiedene akustische Ebenen in verschiedenen medialen Räumen agieren als sich beeinflussende Systeme. In den meisten ihrer Arbeiten durchdringen einander auch optische und akustische, theatralische und inszenatorische Ebenen.

Die Maschine - im Sinne künstlicher, technischer Apparatur als ein zur Anpeilung von Transzendenz durchaus geeignetes Instrumentarium spielt in Sodomkas Arbeiten immer wieder eine entscheidende Rolle. Nicht nur als Thema, sondern auch als handwerkliche Methode.

Daß es trotz der Auseinandersetzung mit Digitalität mit daraus folgender Rasterung mit on/off eigentlich die dazwischenliegenden Phänomene des Oszillierenden, des Durchscheinenden und Uneindeutigen sind, um die sich die Arbeit von Sodomka/Breindl dreht, mag an einem weiteren Detail ablesbar sein, an einer weiteren der für die "Diaphonie#1" zusammengestellten Lexikondefiition: "Diaphanie, die;...ien: durchscheinendes Bild". Die Lautsprecher für diese Installation bestanden aus Plexiglas, kaum sichtbar im prunkvoll klassizistischen Ambiente des Uraufführungsortes, und während der Pausenkonversation des Publikums verströmten eben diese Lautsprecher Flüsterpartikel, ein gelegentliches "sch-gss-ßß-tz", zugleich irritierend und kaum wahrnehmbar, eine Zone des perzeptiven Übergangs markierend. Viele dieser skizzierten und ausgeloteten Übergänge benötigen ausgedehnte Zeiträume, um in meditativ wirkenden Klangtransformationen ihr Durchscheinendes, ihre abwesende Anwesenheit zur Wirkung kommen lassen zu können.
Christian Scheib, Flüstermaschinen (Ausschnitt)
in Positionen 38, Beiträge zur Neuen Musik, 1999